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Web 1.0, Web 2.0 – Web 0.5?

Es ist Freitag, und wer regelmässig auf Heise in die Kommentare sieht weiss, was das heisst 😉 Für mich ist es die Gelegenheit das Web 0.5 zu proklamieren, das uns mittelfristig ins Haus steht und ein paar Kommentare hier im Blog zu provozieren. Ich selbst habe den Glauben an das Web > 1.0 längst verloren. Und vielleicht ist es auch gut so, das „Zukunftsweb 0.5“.

Wer mit mir hin und wieder zu tun hat, stellt zunehmend fest, dass ich von meiner alten Sparte „IT-Recht“ oder „Medienrecht“ abgerückt bin. Stattdessen bin ich im Datenschutzbereich tätig und überlege beruflich auf das Wirtschaftsstrafrecht oder Umweltstrafrecht zu satteln (dazu mein Eintrag im Jurakopf-Blog). Ursache der gedanklichen Umstellung ist meine frühere Tätigkeit und die Sicht der Dinge, die sich heute daraus ergibt.

Zum einen glaube ich, dass das Internet fester Bestandteil des Alltags ist: Der Kauf im Netz ist heute beispielsweise keine Sondermaterie mehr. Vor 10 Jahren hiess es „Das habe ich bei Amazon gekauft, im Internet“ und darauf gab es ein „Haoh, respekt. Internet.“. Heute kauft man was und selbst die Oma am Mittagstisch entgegnet „Warum denn im Dorf gekauft? Gabs doch bestimmt im Internet billiger.“ Für einen Anwalt heisst das, bezogen auf den Regelfall, dass er das dann auch beherrschen muss. Der gemeine Anwalt muss heute die Regeln zum Fernabsatzgeschäft so beherrschen, wie die zum Haustürgeschäft. Der Kauf im Internet ist nichts anderes als eine weitere Ausprägung im Schuldrecht. Und die bekannten Abmahnungen muss ich nicht grosszügig behandeln, die sind nichts anderes als Wettbewerbsrecht und Sachenrecht gepaart mit ein paar frischen Hirnzellen.

Aber natürlich gibt es noch mehr im Internet, viele spezifische Fragen und ich glaube, genau deswegen wird es bald ganz zurück gehen: Denn die spezifischen Fragen sind am Ende nur Ausdruck der Regulierungswut des Staates. Und die ist ausnahmsweise mal nicht „typisch Deutsch“ sondern weltweit festzustellen.
Ich prognostiziere, dass Spickmich.de bald via Gesetz der Garaus gemacht wird. Und ja, ich bin „Spickmich-Gegner“, doch war eine Abschaffung von Spickmich nicht das Ziel, also freue ich mich darüber nicht. Ganz im Gegenteil. Jedes Projekt dass dem Web-2.0-Hype gerecht wurde, wird in Zukunft zunehmend unter Beschuss geraten.

Hintergrund sind die (mitunter neuen) rechtlichen Fragen im Bereich Persönlichkeitsrechte und Datenschutz, die diese Seiten aufgeworfen haben. Während in der Gesellschaft gar nicht, in der Presse nur in einer Form von Hetze und bei Juristen kaum die wichtigen Fragen beleuchtet und analysiert wurden, hat der Staat längst erkannt welches Potential hier liegt – und nutzt das Internet zunehmend zur Recherche nach Straftätern. Besonders nach Terroristen. Und noch stärker nach denen, die zu Terroristen werden könnten.

Ich glaube nicht, dass am Ende noch viel Freiraum für ein „Internet“ sein wird. Vielmehr bleibt ein staatlich bis ins letzte regulierter Bereich übrig. Ein Bereich, dem man sich als Nutzer mit Freuden entziehen möchte.

Die Anbieter im Internet verschärfen das Problem nur – durch ihre bereitwillig betriebene Vorratsdatenspeicherung von Zahlungsdaten und Zahlungsmitteln in so genannten „Kundenaccounts“, durch Bestellhistorien oder IP-basierten-Logfiles die bereits mehrfach das Begehren des Staates geweckt haben. Der aktuelle Fall der Telekom zeigt nur eines: Wie einfach es für einen Konzern ist, Menschen zu überwachen. Wie ist das erst, wenn der Staat auf alle Daten aller Provider Zugriff nimmt? Wie viel Interesse verbleibt dann beim Nutzer, noch das Netz freigiebig zu nutzen? Wie lange wird es wohl dauern, bis Nutzer auf ein „Das könnte sie interessieren“ bei Amazon blicken und stirnrunzelnd an den Telekom-Skandal oder die Lidl-Kameras denken?

Schuld gebe ich aber auch den Suchmaschinen. Pardon: Der Suchmaschine. In einem unstrukturierten Netz wie dem Internet sind die Suchmaschinen der Triebmotor. Nur mit ihnen werden die Informationen zugänglich, strukturiert und nutzbar. Wir haben es zugelassen, ja forciert, dass es heute faktisch nur eine gibt. Und was macht die? Alles, nur keine Suchmaschine mehr. Im Jahr 2008 bekommen wir ein Suchformular und eine Ergebnisliste wie vor 10 Jahren präsentiert. Wer beispielsweise nach „Rechtsanwalt Aachen“ sucht, findet erstmal Dienste-Verzeichnisse und erst danach Anwälte – eine Sortierung nach Typ der Seite ist ohnehin nicht möglich. Stattdessen werden die Suchzugriffe mitgeloggt, IPs gespeichert und noch eine Fülle von „Diensten“ wie eine Gesundheitskate oder ein Kartensystem eröffnet.

Vor einigen Monaten kam eine Studie heraus, derzufolge die meisten Internet-Nutzer nur eine Handvoll Webseiten aufrufen. Klar: Man findet ja kaum was neues. Filter-Technologien sind nie aus den Kinderschuhen erwachsen, so dass wir zwar eine zunehmende Flut von Daten haben, aber immer seltener die wirklich relevanten finden und vor allem kein Hilfsmittel haben, um diese Datenflut zu kontrollieren und daraus die für uns täglich interessanten Sachen herauszupicken. Stattdessen nutzen wir RSS-Reader mit wer weiss wie vielen 100 RSS-Quellen. Das ist ein wenig so, als hätten wir vor 20 Jahren alle Tageszeitungen Deutschlands abonniert um die täglich alle zu lesen.

Ich merke es an mir selber, vor allem als ehemaliger Internet-und PC-Junkie: Ich werde Müde. Das Internet nutze ich nur noch 2-3mal täglich um nach den Blogs zu sehen. Wenn überhaupt, am Wochenende nutze ich es fast gar nicht mehr. Gekauft wird inzwischen fast nur noch in Geschäften, eine Ausnahme ist ein Buchhandel bei dem ich (nur unter Angabe eines Namens) im Internet bestelle und dann die Ware dort im Geschäft abhole. Der Rechner ist heute in erster Linie Arbeitsgerät, kaufen im Internet habe ich aufgegeben. Und personenbezogene Daten gebe ich ohnehin nicht mehr her – zur Riskant wer darauf zugreift, denn selbst wenn ich dem Unternehmen dahinter vertrauen würde, dem Ermittlungsstaat der mit langen Zähnen darauf schielt traue ich schon lange nicht mehr. Und die Wirtschaft hat in den letzten Jahren nichts getan, um mir diese Angst zu nehmen – ganz im Gegenteil.

Ich denke da nur daran, dass man heute in faktisch jedem grösseren Online-Shop einer Schufa-Klausel zustimmen muss (teilweise ohne es zu merken), dass man genötigt wird personenbezogene Daten wie Telefonnummern anzugeben, die zur Bestellung nicht notwendig sind. Oder dass die Produkte mit zweifelhaften „Schutzmechanismen“ versehen werden, etwa DRM oder Wasserzeichen sowie Produktaktivierungen  – alles verbunden mit Personenbezogenen Daten, damit man bloss nachvollziehen kann, welchen Weg etwa ein Lied gegangen ist, dass in einer Tauschbörse auftaucht. Oder wenn jemand Fotos macht, damit man in den EXIF-Informationen die Seriennummer der Kamera auslesen kann und weiss, wer der (vermeintliche) Urheber des Bildes ist. Wo macht Konsum denn noch Spass, wenn jeder Euro und jedes genutzte Produkt einem Konsumenten eindeutig zugeordnet werden kann?

Momentan glaube ich ernsthaft, dass dies sich ausbreitet: Das Web 0.5. Der Nutzer wird hin und wieder, wenn es besonders verlockend ist, noch im Netz kaufen. Die Kommunikation wird aber zunehmend langweilig werden: Wo der Staat nicht eingreift, da wird die breite Masse Sorge haben, etwas zu sagen was „teuer werden kann“ und sich entweder selbst zensieren oder gleich nichts mehr schreiben.
Ich sage vorraus, dass in 5 Jahren, spätestens in 10 Jahren, der dann amtierende Geschäftsführer des Brockhausverlages ankündigen wird, die gedruckte Brockhaus-Fassung wieder auf den Markt zu bringen – und dass es der grösste Fehler der Verlagsgeschichte war, diese je einzustellen.

8 Gedanken zu „Web 1.0, Web 2.0 – Web 0.5?“

  1. Ich würde das nicht all zu schwarz sehen. Du hast sicher Recht damit, dass „Internetrecht“ nicht unbedingt eine zukunftsweisende Spezialisierung ist, weil „Internet“ an und für sich bald zur ganz normalen Aufgabe eines jeden Anwalts gehören wird.

    Das ändert aber nichts daran, dass digitale Medien (jeder Art) zunehmend wichtiger werden werden, und dabei werden nicht weniger, sondern mehr Nischen entstehen, in den Spezialisten aktiv werden können. Was ist mit Haftungsfragen für Intermediäre (Foren, Suchmaschinen, Access-Provider)? Was ist mit Telekommunikationsrecht? Was ist mit Rundfunk- und Presserecht? Werberecht, Medienkartellrecht, Informationsstrafrecht? Das sind Rechtsgebiete, in denen ein einfacher Anwalt, der den Vertragsschluss im Internet nochbearbeiten kann, ohne weiteres nicht zurecht kommt. Ich denke, von diesen Gebieten werden bald mehr, nicht weniger entstehen.

    Wir haben Telemedicus mit „Rechtsfragen der Informationsgesellschaft“ nicht umsonst Standortbestimmung gewählt, die sehr offen ist.

  2. Vor cirka zehn Jahren war ich noch voellig unbefangen, als ich mich am Internet anmeldete.
    Das Internet war einfach eine neue, aufregende Welt, die sich auftat – und ich war neugierig und spontan.

    Das hat sich geaendert. Ich habe staendig das unheimliche Gefuehl, dass mir jemand ueber die Schulter schaut.

    Ich verstehe weder Unternehmen, die Daten sammeln (warum kommen zumindest nicht manche auf die Idee, Datensparsamkeit als Leistungsmerkmal zu vermarkten (die Bestellhistorie hat mich inzwischen auch veranlasst, moeglichst nichts mehr bei Versandhaeusern zu bestellen)), noch weniger aber den Staat (Politiker und deren Waehler), die statt den Datenschutz zu foerdern, diesen im Gegenteil noch aushoehlen.

    Brockhaus hat uebrigens seine Entscheidung, die gedruckten Lexika einzustellen, vorerst revidiert:
    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,544722,00.html

  3. Sehr dunkle, pessimistische Sicht…. aber leider die volle Wahrheit, das unterschreibe ich sofort.

    Aber du bloggst ja doch schon recht viel, bist du wirklich SO selten online?

  4. Nach den Artikeln im Blog darf man bei mir nicht gehen, ich schreibe meistens an einem Tag recht viel und programmiere die Artikel damit sich das verteilt.

    In der Tat bin ich im Schnitt 2-3 täglich online und das dann wirklich nur wegen meiner Blogs. Hin und wieder (1 mal die Woche) bin ich aber länger am Rechner und sehe dann auch öfter rein. So ein Tag war z.B. heute, wo dann auch mal mehrere Artikel hintereinander erscheinen – merkt man recht schnell.

  5. Ich sehe das ganze viel schwärzer. Ich glaube, dass in fünf, spätestens 10 Jahren auch die Einkäufe in Geschäften mitgeloggt (siehe Rabattkarten, dann aber verpflichtend), die Besuche in der Bibliothek (siehe A.Holm) und die aus dem Regal genommenen Bücher auf Vorrat gespeichert, und Absender von Briefpost am Briefkasten authentifiziert werden.

    Die Möglichkeiten des Internet werden auf das reale Leben übertragen werden.

    Der ePA ist das primäre Mittel mit dem es möglich wird. Personen ohne ePA werden es schwer haben. Bargeld wird mit RFID versehen und damit jegliche „verdächtige“ Transaktion nachverfolgbar.

  6. Ja, das ist auch eine Möglichkeit, die ich in Betracht ziehe – wenn man es aber konsequent anwendet, komme ich da nicht auf 5-10 sondern eher auf 20 Jahre. Wenn dies eintreten würde, wäre es sehr übel – da provoziere ich lieber mit der Aussage, dass das Internet (wie wir es heute kennen) in ein paar Jahren vorbei ist und man sich auf die fassbare Welt konzentriert.

  7. Ziemlicher emotionaler subjektiver Bloedsinn, gepraegt durch eine Datenmissbrauchsphobie. Als die Volkszaehlung auf uns losgelassen worden ist, war die Weltuntergangsstimmung noch viel groesser. Da hat man sich gegen den Staat bewaffnet und das Geld unters Kopfkissen gelegt.

    Die meisten nutzen Google und sind keineswegs frustriert. Die meisten kaufen online ein und auch dort gibt es in der Masse bei der Oma keinen Frust. Frust gibt es bei den Junkies. Gehoert der Autor auch dazu?

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