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Über die so genannte Blogosphäre

Ich habe es ignoriert: Den langweiligen Artikel bei SPON, die nicht so anspruchsvoll wie erwartete Reaktion eines bekannteren Bloggers darauf, die Verweise in anderen Blogs zu diesem Artikel und selbst den heutigen Telepolis Artikel könnte ich noch ignorieren. Sogar wenn ich die treffende Bezeichnung dieser Thematik als „Schwanzvergleichdebatte“ lese, kann ich noch versuchen es zu ignorieren. Aber es klappt nicht mehr, zumal sich F!XMBR jetzt auch die Zeit genommen hat, sich mal ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Dabei frage ich mich einfach, was in dieser Debatte das Problem ist? Wahrscheinlich hat dieses Unwort „Blogosphäre“ Schuld.

Hinweis: Vorsicht, sehr langer Kommentar der auch herzlich wenig mit Datenschutz zu tun hat. Ich brauchte einfach Zerstreuung.

Ein Blog ist nichts anderes als die Verbreitung der Meinung desjenigen, der dahinter steht. Ich selbst komme aus einer Zeit, da war „Blog“ nichts anderes als die Bezeichnung für eine Webseite, die mit einer Blog-Software (damals noch hämisch als CMS-Light bezeichnet) betrieben wird.

Und wenn es viele Webseiten gibt, vielleicht sogar als Massenerscheinung in einer Gesellschaft, dann ist diese Gesamtheit der Blogs nichts anderes als zumindest ein Ausschnitt der so genannten öffentlichen Meinung.

Man mag das „Blogosphäre“ nennen, doch geht es leicht nach hinten los: Kaschiert dieser Begriff doch, dass hier nichts anderes als die öffentliche Meinung im Kontext gemeint ist. Groß ist der Aufschrei, wenn irgendeine repräsentative Umfrage (bei der im Schnitt ca. 1001 Menschen gefragt werden) ergibt, was „die Deutschen denken“. Seien wir ehrlich: Ich bekomme mehr Gedanken zum Auswerten wenn ich die Blog-Suche bei Google nutze oder mal zwischendurch Rivva aufrufe. Über die „Blogosphäre“ schimpfen, heisst nichts anderes als die öffentliche Meinung zu verkennen.

Und die ist gar nicht unwichtig. Politiker etwa wollen gewählt werden, das Image ist hier entscheidend – die öffentliche Meinung als Imagebegründender Träger selbiger wesentliches Element. Kann man es sich da als Politiker überhaupt leisten, Blogs zu ignorieren? Oder als „seriöse“ Presse, die letztlich davon lebt, dass man sie konsumiert, sprich, für Sie bezahlt – was letztlich auch niemand anderes tut als diejenigen, die Teil der „öffentlichen Meinung“ sind.

Man mag die „Blogosphäre“ als eigenes Sub-System begreifen, das eigenen Regeln folgt und eigene Techniken hat. Sowas wie Trackbacks z.B. gehören dazu und führen zu interessanten Effekten. Aber auch das -für jedes geschlossene System normale – Phänomen, dass sich einzelne als Meinungsführer bzw. Meinungsmacher besonders hervortun.

Probleme ergeben sich erst, wenn man dem mit alter Betrachtungsweise daher kommt – und gleichzeitig den Stolz der betroffenen verletzt. Wenn etwa jemand meint, dass man „die Blogosphäre“ auf eben diese wenigen Meinungsmacher reduzieren darf und die zugleich als „wichtigste“ bezeichnet, bekommt er Ärger: Wo doch die Blogs gerade als individuelle Meinungsplattform existieren, die zumindest sich selbst besonders wichtig nimmt.
Ich habe hin und wieder den Eindruck, die „Blogosphäre“ versteht sich als eine Form moderner APO, als Gegengewicht zu der Meinung von Politik und Presse. In den 70ern hätte ich jetzt geschrieben, als Gegengewicht zum „System“ – heute ist sowas archaisch. Wer also innerhalb der Blogs (als Außenstehender versteht sich) eine kleine Elite bildet -unabhängig davon ob sie faktisch existiert oder nicht – der verletzt den Stolz eines jeden einzelnen Bloggers, also eines jeden einzelnen Meinungsträgers – mindert er doch die Bedeutung seines jeweiligen Blogs enorm in Richtung „unbedeutend“. Und das kann man beim Blog, dem modernen verbalen Maschinengewehr des kleinen Mannes, so nicht hinnehmen.

Doch ich denke, es spielt keine Rolle, was ein Spiegel oder eine SZ letztlich zu Blogs schreibt – selbst wenn es positiv wäre: Man würde Ihnen hinterher erklären, dass sie keine Ahnung haben. Unsinn schreiben. Denn: Sie sind „die anderen“ und haben nunmal kein Recht, den Blogs in ihrer ungreifbaren Gesamtheit zu erklären, wie sie strukturiert sind. Sobald sie das tun, gleich mit welchem Effekt, werden sie hinterher angegriffen.

Interessant wird es erst, wenn man wertneutral analysiert: Wenn der Spiegel etwa ein bestimmtes Blog als besonders „wichtig“ benennt, heisst das nicht anders rum vielmehr, dass bestimmte Spiegel-Journalisten dort selbst regelmässig lesen? Und bekommt das entsprechende Blog nicht in der Tat dadurch ein ganz anderes Gewicht? Denn, und eben das sagt der Spiegel Artikel ja aus: Es gibt Blogs mit Gewicht, sie werden wahr genommen und ernst genommen, also warum dieses überragende negative echo? Muss man als Blogger vielleicht auch bei sich ansetzen und sich fragen, ob die einseitige Trennung zwischen Journalismus und (Bürger-)Blogs so zeitgemäß ist? Vielleicht gibt es neben Trackbacks und News-Syndicate-Seiten noch andere Verflechtungen, die für die Blogosphäre von Bedeutung sein können.

Definitiv falsch ist aber die typische Medien-Rechnung: Besonders viel = besonders wichtig. Eine Zeitung mag man daran messen, welche Auflage sie hat. Welche Verbreitung in der Bevölkerung – diesen Maßstab aber auch Blogs zu transportieren ist sachlich falsch. Ein vollkommen unbedeutendes Blog mag monatelang glücklich existieren – bis ein einzelner Artikel plötzlich einem bekannteren Blogger auffällt. Ab dann läuft die Automatismus und die Besucherzahlen schnellen nach oben. Ob kurzzeitig oder Langfristig wird sich zeigen, doch die Bedeutung des Blogs lag letztlich weniger in der Masse, als in dem einen, der mitgelesen und gelinkt hat.

Was uns direkt zur letzten Frage vom Spiegel führt: Sind deutsche Blogs zu unpolitisch? Auch ohne mir anzumaßen, alle deutschen Blogs zu kennen, antworte ich frei: Nö. Denn gerade weil das Blog im Regelfall persönlich ist, von einer Meinung und keiner Schein-Objektivität geprägt, wird es immer irgendwie politisch sein. Und politisch ist dabei sehr viel mehr als parteipolitisch, manch einer verwechselt das schnell. Der Unterschied ist nur, dass eine z.B. ganz klar orientierte Zeitung sich trotzdem noch „unparteiisch & unabhängig“ betitelt – ein Blogger dagegen schmückt sein Blog geradezu stolz als „polemisch“.

Ich denke, die Politiker sind es vielmehr, die nachdenken müssen, ob sie nicht endlich aufwachen möchten: Wahlkampf-Videos auf YouTube? Fehlanzeige. Politiker-Blogs mit direkter Kommunikation oder Fake-Blogs als Werbeeinsatz? Fehlanzeige. Kommentare in Blogs oder die Diskussion über Themen im eigenen Blog und das setzen von Trackbacks? Fehlanzeige. Mitgliedschaften in sozialen Netzwerken? Fehlanzeige.

Es scheint, dass eine ganze Gesellschaft, und mit ihr das Abstraktum „öffentliche Meinung“ den (logischen) Weg ins Internet gefunden haben. Die Entscheider unserer Gesellschaft aber haben den Zug verschlafen. Sie versuchen immer noch, wenn überhaupt, über Tageszeitungen die Menschen zu erreichen. Dabei ist das, was die bisherige „öffentliche Meinung“ vom neuen Begriff „Blogosphäre“ unterscheidet vor allem eines: Das Ende der Einbahnstraße.
Wo früher (ich meine wirklich früher) eine Information vom Politiker an die Presse ging, um von dort an die Bürger zu gelangen, die nur bedingt darauf (und keinesfalls im gleichen Rahmen!) „antworten“ konnten, etwa in Form von Leserbriefen im lokalen Käseblättchen, da steht heute das Blog. In dem meisten jeder (sogar anonym) direkt kommentieren kann, bei gleicher Aufmerksamkeit – oder selber in seinem Blog was schreibt und als Trackback Beachtung findet. Wie dargestellt herrschen hier zudem gewichtungen: Es spielt keine Rolle, wie viele Besucher ein Blog hat: Von heute auf morgen kann es „wichtig“ sein, von morgen auf übermorgen nicht mehr. Die einzige Hilfe bei dem Verständnis und der Aufnahme dieser unüberschaubaren Vielfalt sind News-Seiten wie Wikio, Rivva oder Jurablogs, die Zeitungen von morgen, wenn sie technisch ausgereift sind.

Bestätigung finde ich auf den vielen Politiker-Webseiten, wo man keine Kommentare hinterlassen kann. Oder Trackbacks senden kann. Es gibt Ausnahmen, aber ich habe nicht viele gefunden. Hier zeigt sich das „Einbahnstrassen-Verständnis“ und das letztliche Paradoxon:
Einerseits schimpft man über die Politiker, die sich eben nicht in die digitale Gemeinschaft „Blogosphäre“ einreihen und mitmachen, somit „unerreichbar“ sind. Andererseits, würden sie es in der breiten Maße tun, würde eben das, was das einzelne Blog und die Blogosphäre insgesamt auszeichnet, dieses Gefühl als bodenständiges Gegengewicht, nicht mehr existieren. Es bleibt am Ende eine Frage: Ist es nicht der Vorwurf als solcher, der den Blogs in ihrer jetzigen Form ihre Existenzberechtigung gibt? Will man denn als Blogger überhaupt von den „Mächtigen“ wahrgenommen werden? Und wenn man sich diese Frage ehrlich stellt, liegt hier vielleicht auch der Grund, warum Artikel wie der vom Spiegel -die ja den Blogs zwischen den Zeilen eben eine gewisse „Macht“ einräumen- auf so negatives echo stoßen?

3 Gedanken zu „Über die so genannte Blogosphäre“

  1. Sehe ich ähnlich. Offen gestanden informiere ich mich nahezu nurnoch ausschließlich über blogs darüber was derzeit passiert. Denn Journalistische Schreibstil schränkt die Meinungsäußerung in meinen Augen zu sehr ein. Meist bleibt es bei vielen Fakten und ein paar Spekulationen. Da kann ein vielleicht weniger objektiver Flamewar doch um einiges spannender, unterhaltsamer und unter Umständen sogar informativer sein.

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