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Augen sind keine Kameras

In letzter Zeit finde ich immer häufiger Vergleiche dieser Art in Diskussionen vor:

Du gehst ja auch sonst auf die Strasse – ob dich nun ein Passant beobachtet (was dich nie störte) oder eine Kamera, das macht nun keinen Unterschied.

Ich denke, man sollte dem Argument Respekt zollen und es analysieren. Natürlich widerspreche ich dem, doch habe ich etwas mehr zu bieten als nur „Unsinn“. Und ich hoffe, damit wieder für ein bisschen Diskussion und Nachdenken zu sorgen.

In der Tat wird man, wenn man unterwegs ist, von anderen Menschen beobachtet. Eventuell sieht man sogar jeden morgen in der Straßenbahn den gleichen anderen Mitfahrer, der irgendwann genau weiß, wo man einsteigt und bis wo man fährt, evt. sogar wo man arbeitet und wie man heißt. Verbieten kann und will ich sowas nicht – warum auch? Das ist zwischenmenschlicher Alltag.

Kameras aber sind das nicht, denn Augen haben wir nun mal von Geburt an im Kopf, Kameras nicht. Wir beobachten uns alle untereinander, wenn wir uns sehen, aber eben nicht mit Kameras – und den damit verbundenen Möglichkeiten.

Das wichtigste bei Kameras ist die Möglichkeit der Speicherung: Lückenlos kann das gesamte äußere Verhalten einer Person festgehalten und nachvollzogen werden. Die Tatsache, dass es nicht immer getan wird, verdeutlicht nur das Problem – denn man selber weiß nicht, ob da nun eine Speicherung stattfindet. Und falls ja, weiß man nicht, wie lange gespeichert wird, wer Zugriff hat und was man damit tut.

Anders als bei einer Person die mich beobachtet, bei der ich im Regelfall sogar sehe ob sie mich beobachtet, bin ich der Kamera hilflos ausgeliefert: Ich weiß nicht, ob sie „nur“ beobachtet oder auch speichert. Mir ist nicht klar, ob damit triviale „Verstöße“ ans Tageslicht geführt werden; Beispiele: Schulkind schreibt Hausaufgaben ab und wird dabei erfasst, man wirft im Einkaufsladen ein Taschentuch auf den Boden oder stellt etwas aus einem Regal genommenes wieder an falscher Stelle (kurz vor der Kasse) zurück.

Das Problem bei den Kameras ist nicht, dass sie beobachten – das tut in der Tat jeder andere Mensch auch. Es hierauf aber zu reduzieren heißt, das Thema zu verharmlosen. Die so genannte Kameraüberwachung lebt von der Ungewissheit der Betroffenen: Wird man nun beobachtet oder nicht? Wird man angesprochen wenn man etwas „falsches“ macht oder nicht?

Jeder sollte es als deutliches Symbol sehen, dass die Überwacher selbst nicht überwacht werden möchten: Zunehmend setzen zwar Einkaufsläden auf Kameras, stellen aber zunehmend auch Hinweisschilder auf, dass man als Kunde selber im Laden keine Fotos machen darf. Die Gründe sind vielfältig und sogar verständlich, die Frage ist nur, warum man dann die Kameras der Einkaufsketten noch rechtfertigen will.

Das wichtigste bei der Unterscheidung ist am Ende also die Möglichkeit der Speicherung und Zusammenführung bzw. Verbreitung der Aufnahmen. Dass ausgerechnet der §6b BDSG, der sich mit dem Thema beschäftigt, zwar vorschreibt dass man auf Kameras hinweisen muss, nicht aber auf eine vorhandene Speicherung, ist da nur ein Kuriosum unter vielen. Zu bedenken ist auch, dass jeder Elektronik-Markt an den Kassen zwar kleingedruckte AGB aushängen hat – eine Datenschutzerklärung am Eingang, bevor man also erfasst wird, sucht man aber vergebens. Wahrscheinlich will man die Kunden ja nicht vergraulen.

So sehr man sich auch bemüht: Die um sich greifende Beobachtung oder gar Überwachung via Kamera ist nicht „wie früher“. Jede Analogie verbietet sich, denn es ist ein Novum und wir müssen uns endlich den Fragen stellen, die sich ergeben anstatt über Phantomdiskussionen und schlechte Bilder vom Thema abzulenken. Dabei gilt es wie immer, eine neue Entwicklung nicht gleich ganz zu verteufeln, sie aber insgesamt kritisch zu hinterfragen und vor dem Hintergrund zu diskutieren, wie wir in 10 Jahren leben möchten. Gerade in einer Zeit, in der die „gefühlte Sicherheit“ ein Entscheidungskriterium ist, sollte vielleicht auch der „potentielle Missbrauch“ als Kriterium herangezogen werden.

3 Gedanken zu „Augen sind keine Kameras“

  1. Die Unterscheidung ist eigentlich ganz einfach. Es geht wieder um informationelle Selbstbestimmung. Bei den Augen weiss ich genau, was mit den erfassten Daten passiert bzw. passieren kann. Ich kann mich beim einsteigen also bewusst entscheiden, ob ich das Risiko der Erinnerung meiner Information beim Mitpassagier eingehen will. Ich kann beim Mitpassagier auch mit einer gewissen Unschärfe beurteilen, was für ein Mensch das ist. Wenn er mir unangenehm ist, oder z.B. mitschreibt, habe ich die Wahl, kann ich den Bus verlassen.

    Bei der Kamera ist zunächst zu beachten, ob sie überhaupt sichtbar angebracht ist, ich mich also überhaupt entscheiden kann. Das Mitschreiben kann ich nicht sehen, die „Vertrauenswürdigkeit“ des Besitzers der Kamera kann ich nicht mal annäherungsweise beurteilen.

    Es nur auf die Speicherung abzustellen halte ich für zu wenig, es geht auch um die Verarbeitung, d.h. es ist ein Unterschied, ob das Kamerabild vielleicht im Internet für jedermann zu sehen ist, statt nur für die lokale begrenzte Menge von Personen im Bus.

    Das ist für meine Risikoentscheidung wichtig.

  2. Das auch, das war der letzte „Kick“ dazu ein paar persönliche Anmerkungen zu schreiben. Aber das Argument ist inzwischen überall zu treffen, ich muss es leider (fast) täglich zur Kenntnis nehmen. Das Fazit ist immer: Ob dich eine Kamera ansieht oder ein „Sicherheitsangestellter“ ist doch kein Unterschied.

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