Diskussion zu Netzsperren: Keine Grenzüberschreitung bitte!

Die “13 Lügen der Zensursula” verbreiten sich zur Zeit wie ein Lauffeuer. Und sie sind auch gut geschrieben, doch es gibt dort eine Grenzüberschreitung, die mich stört und die ich – gerade als Gegner von Netzsperren – hier aufgreife. Unter #2 liest man:

Lüge #2 und Hauptproblem bei den tragenden Politikern: Es gibt keinen Massenmarkt, es gibt keinen kommerziellen Vertrieb, es gibt keine Millionenumsätze.
Es sind Einzeltäter und die tauschen in geschlossenen Zirkeln, vornehmlich außerhalb des Internets.

Nun stimmt es, dass es keinen “Massenmarkt” im Sinne des herkömmlichen Begriffes gibt. Es ist vielmehr ein Nischenmarkt, der aber existiert und auf zahlreichen Absatz ausgerichtet ist. Der Verweis auf “Einzeltäter” ist verzerrend: Zwar ist es, und auch das habe ich hier mehrfach betont, weder ein Massenphänomen, noch findet man an dieser Abartigkeit Gefallen, nur weil man es – wie Fr.v.d.Laien gerne behauptet – mal gesehen hat. Dennoch sind es nicht “nur eine Handvoll” Täter wie diese Zeile suggeriert.

Auch das “tauschen ausserhalb des Internets” ist so nicht ganz richtig: Jedenfalls Webseiten, die hier ja avisiert werden mit der “Sperrliste”, sind nicht das Tauschmedium per se, sondern vielmehr P2P-Netze oder geschlossene Foren. Die aber Teil des Internets sind. Ebenso wie auf ausländischen Märkten gekaufte DVDs gerippt und via Internet, auf nicht öffentlichen Kanälen, “getauscht” werden.

Die Umsätze sind, insofern greife ich auf Unterlagen aus Uni-Seminaren zurück, durchaus sehr hoch. Fraglich ist, wie man die beziffert: Zählt man alleine den Umsatz im Internet, zählt man die DVD-Produktion dazu? Wie will man schätzen? Wenigstens “Millionenumsätze” weltweit erscheint mir allerdings nicht abwegig und deckt sich mit den Unterlagen aus meiner Ausbildung. Fakt aber ist, dass die Umsatzzahlen sich nicht ändern durch die Maßnahme, da der Umsatz aufgrund der ungeeignetheit gar nicht geschmälert wird – also ist der Umsatz schon gar kein Argument und man muss nicht philosophieren wie viel da überhaupt fliesst.

Ich sehe zunehmend die Gefahr, dass im Eifer des Gefechts ein Problem zumindest teilweise verharmlost wird, dass sehr viel Beachtung verdient hat: Kindesmissbrauch ist ein Problem. Eines, dass ein zielgerichtetes Vorgehen verlangt – allerdings nicht ungeeignete Maßnahmen weil ja ohnehin jedes andere Grundrecht quasi unbedeutend ist daneben. Das Argument gegen Netzsperren ist die fehlende Kontrolle, der mögliche Missbrauch und die Tatsache, dass man damit schlichtweg gar nichts erreicht. Das kann man auch kommunizieren, ohne am Problem selbst auch nur ein Körnchen Bedeutung abzukratzen.

 
Beitrag veröffentlicht am 20. April 2009.

10 Kommentare

  1. Stadler schrieb:

    Zitat des Bay. LKA zum Thema Massenmarkt:
    “Es gebe organisierte Strukturen, aber selten: “Die überwältigende Mehrzahl der Feststellungen, die wir machen, sind kostenlose Tauschringe, oder Ringe, bei denen man gegen ein relativ geringes Entgelt Mitglied wird, wo also nicht das kommerzielle Gewinnstreben im Vordergrund steht. Von einer Kinderpornoindustrie zu sprechen, wäre insofern für die Masse der Feststellungen nicht richtig.” (zitiert nach SZ am Wochenende -18./19.04.09, Mitten am Rand, Rebecca Casati).

    Es gibt für einen tatsächlichen Massenmarkt wohl derzeit keine wirklichen Belege. Dennoch behauptet Frau von der Leyen das offensiv.

  2. jens.ferner schrieb:

    Mich bitte richtig verstehen: Ich habe Sorge, dass man anfängt zu leugnen, dass es überhaupt einen Markt gibt. Das wäre falsch, ich hoffe, meine Kritik ist insofern richtig angebracht und zu verstehen.

  3. Michael Kostic schrieb:

    Kinderpornographie und auch Missbrauch von Kindern ist, im Sinne der reinen Menge dessen, tatsächlich ein Massenphänomen. Allein den sich diesbezüglich schon vor Jahren entwickelnden Asientourismus zu leugnen/ignorieren/vergessen, zeugt von einer Lebensferne die leider hauptsächlich bei sehr Rechner affinen Personen anzutreffen ist. Diesen Personen empfehle ich dringlichst den Besuch des nächst gelegenen Kinderarztes. Diesen möchten sie dann bitte fragen für wie weit verbreitet man dort Kindesmisshandlung und Pornographie hält.

    Aber leider wird auch bei diesem Thema wieder, sogar in mehrererlei Hinsicht, am Kern der Sache vorbei kommuniziert. Manchmal aus Zufall, aber oft auch aus Absicht werden die eigentlichen Ursprünge nicht angerührt und sich auf Symptombekämpfung konzentriert.

    Schade eigentlich…

  4. Rochus schrieb:

    Sie haben vollkommen Recht, das Problem sollte nicht verharmlost werden. Es sollte vielmehr für beide Seiten vollkommen irrelevant sein, ob und wieviel Geld da fließt, in jedem Fall muss etwas dagegen unternommen werden und diese Maßnahmen sollten sinnvoll, wirkungsam und nebenwirkungsfrei oder zumindest nebenwirkungsarm sein.

    Das ist kein Wettbewerb, Frau von der Leyen möglichst viele Fehler nachzuweisen. Wenn man sich auf einen Teil der Kritik beschränkt, diese dafür jedoch weniger Angriffspunkte (wie “Verharmlosung”) bietet, ist das wesentlich effektiver. Idealerweise sollte man sich auf solche Kritikpunkte konzentrieren, die von jedem ohne große gedankliche Verrenkungen als berechtigt einsehbar sind.

  5. Rochus schrieb:

    Grmpf, wollte “wirkungsvoll” durch “wirksam” ersetzen, ist mir nur halb gelungen ;)

  6. i-Punkt Reiter schrieb:

    Sie denn sich aber immernoch von der Layen, oder? (4. Zeile im Absatz nach dem Zitat)
    Ich gehe diesmal wirklich von einem Schreibfehler aus …

  7. i-Punkt Reiter schrieb:

    Peinlich: 2 Fehler, und das bei einer Fehlerkorrektur:
    Es sollte heißen: Sie nennt sich …, und es ist die 5. Zeile …

  8. Zu spät: Grenze überschritten bei Netzsperren-Diskussion | Datenschutz-Blog schrieb:

    […] Kritiker der Netzsperren fangen nun an, sich selbst anzugreifen. Nach meinem gestrigen Artikel wird nun spontan genau das gemacht, wovor ich gewarnt habe: Mit fatalen Folgen. Ausgerechnet […]

  9. jens.ferner schrieb:

    Bei mir heißt die Dame v.d.Laien. Ein bisschen satirische Spitze muss ja sein.

  10. Ein Kommentar ohne eigene Meinung «Nachgehakt schrieb:

    […] desinformierende Argumentation (siehe dazu den Artikel der c’t sowie netzpolitik.org mit dem Hinweis von Jens Ferner) ohne Hinterfragen übernommen wird, der Autor macht sich noch nicht mal die Mühe, die Quelle […]

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